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Marktkommentar

Auch, wenn uns SYSTEM 22-Investoren eigentlich reichlich wurst sein kann, was der Markt ausserhalb unseres eigenen Universums so treibt - so ganz ist das Wegsehen natürlich nicht möglich. Und es ist auch ganz gut, die Reaktionen von SYSTEM 22 immer wieder in Bezug zum allgemeinen Börsengeschehen zu setzen.

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Der aktuelle Marktkommentar von Mittwoch, den 23. Dezember 2009

Wir werden uns wundern!

 


Verehrte Leserinnen und Leser,

wer die Geschichte nicht kennt ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Ein Satz, der seit jeher wahr war. Und seit jeher immer wieder fleißig ignoriert wird. Nicht umsonst sind Prognosen für das kommende Jahr immer wieder ein Hit ... und Rückblicke Ladenhüter. „Ich werde mich ja wohl noch erinnern können, was vor ein paar Monaten war“, höre ich dazu oft. Wirklich? Wenn sich ein Anleger wirklich genau an alles erinnert, was während der vergangenen zwölf Monate geschah ... dann müsste er bei Jahresausblicken automatisch abschalten. Denn er wüsste, dass Modelle die vorzeichnen, wie die Welt und die Börsen in den kommenden Monaten zu laufen haben, nicht nur so gut wie nie eintreffen, sondern letztlich nicht eintreffen können.

Ich habe über die Jahre schon oft dargelegt, warum Prognosen an den Börsen meistens nicht funktionieren. Das will ich jetzt nicht noch einmal ausführlich ausbreiten. Ich will mich auf meine Prognose reduzieren: Ich glaube nicht, dass das Jahr 2010 an der Börse auch nur im Ansatz so ablaufen wird, wie es egal wer prophezeit.

Natürlich sehen Sie permanent Leute, die Ihnen unter die Nase halten, dass sie dieses oder jenes genau so vorhergesagt haben. Aber Sie sehen nur diese Beispiele ... das, was Sie sehen sollen ... und nicht, wie oft diese Propheten insgesamt daneben lagen. Man erinnert sich eben meist an die richtigen Ergebnisse und vergisst die falschen. Ganz genau so, wie die meisten Akteure sich gut an ihre Erfolge erinnern, die Misserfolge aber schnell vergessen ... und damit natürlich die selben Fehler immer wieder machen.

Anfang 2009 rutschten die Börsen in einer vor allem emotional gesteuerten Übertreibung immer weiter nach unten. Dann kam die überfällige Gegenbewegung, die plötzlich im Juli, nachdem sie gerade formvollendet zu Ende gegangen war, in einen zweiten Schub nach oben überging, der originär aber nicht in positiven Überraschungen seitens der Rahmenbedingungen begründet war, sondern aus der Kombination aus überrumpelten Baissiers, einem nahen Verfalltermin und künstlich in die Börsen gepumpter Liquidität bestand, die ihre Quellen aus den Quasi-Gratiskrediten der Notenbanken fand. Richtig ist, dass beide Momente, im März und Juli, als Möglichkeit erahnbar waren, wenn man nur die Sache als solche nimmt und Zeitpunkt und Kursniveau beiseite lässt. Aber nicht vorhersehbar war, ob es wirklich passiert, wann genau es passieren und was genau sich daraus entwickeln würde. Sprich: Wer zu Jahresbeginn angab, dass der Dax zum Jahresende im Bereich 6.000 stehen würde, hat einfach nur Glück gehabt. Denn die Kurse gingen in diesen zwölf Monaten durch dermaßen viele Nadelöhre, passierten so viele Kreuzungspunkte und Weggabelungen, die keiner vorher kannte, da sie schlicht zuvor nicht existierten, dass es Glückssache blieb und bleiben wird, die Zukunft richtig vorhersagen zu können.

Prognosen taugen eigentlich nur als Standortbestimmungen. Wo stehen wir jetzt und was könnte geschehen? Aber vor allem: Wie sind wir hierher gekommen? Denn eine Prognose, die nicht die vorherige Entwicklung berührt sondern nur aus den wankelmütigen Argumenten für das Hier und Jetzt heraus ein Kartenhaus der zukünftigen Kursentwicklungen baut, ist Mummenschanz. Der Blick zurück ist entscheidend – auch für diesen Jahreswechsel.

Solche Fragen kann und muss man stellen und damit einfach mal den Kopf über den Tellerrand heben, der ansonsten tief in der Suppe des Tagesgeschehens steckt. Und das ist richtig und wichtig, denn es finden sich immer mehr, die vor lauter Kursen nicht mehr wahrnehmen, wie sich das Umfeld der Börsen verändert und dazu neigen, sich an einfache, aber eben zu einfache „Wahrheiten“ zu klammern wie „die Liquidität wird von den Notenbanken bzw. Regierungen weiter gesichert, also geht es weiter rauf. Und sie müssen weiter billiges Geld nachschieben, denn ansonsten würde das weltweite Finanzsystem zusammenbrechen“.

Das hört man oft. Aber es ist eine „Wahrheit“, die zu viel vereinfacht und daher unter dem Strich falsch ist. Aber das soll hier nicht schon wieder diskutiert werden. Zumal: Wer sein Denken auf dieses Argument reduziert und zudem damit glaubt, den Leitstrahl für die kommende Kursentwicklung vor sich zu haben, ist mit Argumenten ohnehin nicht zu erreichen. Also zurück zum Hier und Jetzt. Wir stehen momentan ein einer Phase, in der ich mich nur auf eines festlegen würde:

Wie wird 2010? Spannend. Heftig. Und völlig unvorhersehbar. Wie immer. Vielleicht sogar noch unvorhersehbarer als sonst.

Denn wir haben gleich mehrere große Fragezeichen, die über den Börsen schweben und alle miteinander verwoben sind. Das ist, als hätten Sie drei, vier Christbaum-Lichterketten, die Sie entwirren müssen, während Sie zwar von jeder Kette das eine Ende sehen können, die anderen Enden aber noch in einem Riesenkarton stecken, in den Sie nicht hinein zu sehen vermögen. Weihnachtsbaum-Lichterketten entwirren bringt Freude. Jedes Jahr wieder. Und da kann man dann gleich für die Börse üben.

Eine Kette sind die konjunkturellen Rahmenbedingungen. In den meisten Medien wird uns seit einem halben Jahr (und zwar, seitdem die Aktienmärkte im Juli plötzlich senkrecht nach oben sausten) verkauft, dass die Weltwirtschaft schon längst wieder auf einem soliden Erholungspfad sei. Die einen glauben das unbesehen und gerne ... und handeln entsprechend. Die anderen schauen sich die Daten an und suchen vergebens nach irgend etwas solidem. Und handeln auch entsprechend. Wer wird in 2010 recht behalten?

Die andere Kette sind die Zinsen und das billige Geld der Notenbanken. Diejenigen, die an den soliden Aufschwung glauben, erwarten nun auf einmal, dass die Notenbanken, vor allem die Fed, die Zinsen anheben werden, ja müssen. Und handeln entsprechend, indem sie nun den Dollar nach oben ziehen und den Rettungsring Gold über Bord kippen. Die Anleihen geben im Kurs nach und steigen in der Rendite. Wer jedoch vergeblich nach der Konjunkturwende sucht, kann auch keine Argumente für höhere Zinsen entdecken und sammelt fröhlich Gold und Bonds ein, die andere gerade auf Jahre hinaus nicht mehr zu brauchen glauben. Wer wird in 2010 recht behalten?

Die dritte Kette findet sich bei den Markteilnehmern selbst. Mit den Privatanlegern auf der einen, den Großbanken auf der anderen Seite und den Fonds mit ihrer Zwitterstellung zwischen dem einzahlenden Privatanleger und den Interessen der eigenen Bank auf der dritten Seite, quasi zwischen den Stühlen. Dabei sind die Privaten laut Sentimentdaten bullish wie selten, die Profis verhalten bis pessimistisch. Eigentlich genauso ein Warnsignal wie die schwindenden Umsätze am Aktienmarkt bei steigenden Kursen und die überkaufte mittel- und langfristige Markttechnik. Eigentlich. Aber:

Diese drei Lichterketten sind so miteinander verknotet, dass nicht nur die Rahmenbedingungen einer völlig offenen Zukunft entgegen sehen, sondern auch die Reaktionen darauf völlig unvorhersehbar sind. Und gerade jetzt stehen wir am Scheideweg: Sind gute Konjunkturdaten jetzt bullish für Aktien, weil die Unternehmensgewinne steigen? Oder sind sie im Gegenteil schlecht, weil das steigende Zinsen nach sich zöge und damit das billige Geld aus den Aktienmärkten herauszwingt?

Nehmen wir nur mal die beiden extremsten und zugleich überraschendsten Szenarios:

1. Die Konjunktur erholt sich wirklich entgegen allen Gegenargumenten und unabhängig von künstlichen Krücken zügig. Die Unternehmensgewinne steigen ... aber die Zinsen auch. Daher brechen die Aktienmärkte trotzdem ein, weil die großen Spieler am Markt ihre bislang quasi gratis gewährten Kredite wieder zurückzahlen müssen und so das Kapital aus den Börsen abziehen. Die Schere zwischen Rahmenbedingungen und Aktienmarkt schließt sich nicht nur, sonder schlägt ins Gegenteil um, d.h. die Aktien werden zu billig. Oder:

2. Die Weltwirtschaft fällt in das zu erwartende zweite Loch, die Unternehmensgewinne fallen erneut deutlich. Trotzdem ziehen die Aktienmärkte weiter an oder halten zumindest ihr Niveau, weil die Zinsen deshalb weiter nahe Null bleiben, der Kreditbedarf sogar noch fällt und diejenigen, die an das „Gratisgeld“ gelangen, nicht besseres damit anzufangen wissen als es weiterhin in Aktien und ggf. auch Rohstoffe zu stecken. Die Schere zwischen Rahmenbedingungen und Aktienmarkt schließt sich nicht, sondern wird dadurch immer größer.

Dazwischen sind zahllose Varianten möglich. Liebe Leser, wer in aller Welt will in einem solchen Umfeld ernstlich vorhersagen wollen, wie es weitergeht und gar, wo der Dax an Silvestern 2010 steht? Nein, 2010 wird voller Überraschungen sein. Es wird – wie sonst auch – immer wieder nötig sein, Augen und Ohren offen zu halten und dann auf das zu reagieren, was wirklich mit den Kursen passiert, egal, was man erwartet oder erhofft. Nicht zuletzt deshalb habe ich entscheiden, wieder konsequent auf das SYSTEM22 Handelssystem als Taktgeber zu setzen und offene Augen und Ohren in einen ab Februar/März beginnenden SYSTEM22 Observer zu verlagern. Gerade in einer solchen Situation sollte man Erwartungen und Handlungen zu trennen imstande sein. Denn festlegen werde ich mich nur auf eines: Im kommenden Jahr werden wir uns wundern. Und zwar oft!


Mit den besten Wünschen für ein schönes Weihnachtsfest
Ihr
Ronald Gehrt

 

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